Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e. V. - DMVS e. V.

Crossener Mitteilungen Nr. 27, Mai 2009

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Rückblick und Vorschau

 

In den letzten Monaten fanden zwei wichtige Veranstaltungen der DMVS e.V. und der Akademie für angewandte Musiktherapie statt.

Zum einen fand in Görlitz im Herbst letzten Jahres der 7.Sächsische Musiktherapietag der DMVS e.V. unter dem Thema „Auf der Suche nach dem rechten Platz - Die Position der Musiktherapie in komplexen Behandlungssystemen der Psychosomatik und der Psychiatrie“ statt.

 

Der Musiktherapietag im Herbst 2010 in Lobetal wird von Berlin und Brandenburg ausgerichtet und soll sich mit einer Thematik beschäftigen, die uns sehr am Herzen liegt und die schon beim Symposium 2006 und beim Festival eine Rolle spielte: Musiktherapie mit geistig behinderten Menschen - Therapie oder Betreuung?

 

Im Herbst 2008 luden wir zur Mitgliederversammlung der DMVS e.V. ein. Wichtige Tagesordnungspunkte waren dabei die Wahl des Vorstandes und erstmalig der Ethikkommission. Aus dem Rechenschaftsbericht des alten Vorstandes heraus entwickelte sich eine konstruktive Diskussion, vor allem über die weitere Entwicklung unserer Vereinigung und die Möglichkeiten der Mitwirkung der Mitglieder dabei.

 

Berufspolitische Aktivitäten, wie die Teilnahme an der Bundesarbeitsgemeinschaft Musiktherapie und an der 21. Werkstatt für musiktherapeutische Forschung in Augsburg waren ebenfalls Bestandteil der Vorstandsarbeit.

 

Nach vorn blickend rückt eine große Veranstaltung immer näher - die Wissenschaftliche Tagung der DMVS und der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen vom 23. bis 25. Oktober 2009 in der Fachklinik Klosterwald, Bad Klosterlausnitz mit dem Titel:

;WAHRNEHMEN, WAHRNEHMUNGSREFLEXION, WAHRNEHMUNGSVERSTÄNDNIS - universelle psychotherapeutische oder spezifisch musiktherapeutische Prinzipien"

Sie sind herzlich eingeladen.

 

Eine Neuerung, zu der uns auch Ihre Meinung interessiert, wird es bei den Crossener Mitteilungen geben. Die nächsten Ausgaben werden nicht mehr als Papierversion erscheinen. Aus ökonomischen und Effektivitätsüberlegungen heraus haben wir uns dazu entschlossen, die Crossener Mitteilungen auf der Internetseite der DMVS e.V. (www.dmvs.info) zu veröffentlichen.

 

Antje Stolz

 

Mitgliederversammlung der DMVS e.V

 

Am 14. November fand in Bad Klosterlausnitz die diesjährige, ordentliche Mitgliederversammlung der DMVS statt. In dem Rechenschaftsbericht ließen die einzelnen Vorstandsmitglieder die Aktivitäten der DMVS bzw. des Vorstandes in den Jahren 2006 und 2007 noch einmal ausführlich Revue passieren (Akademie, Tagungen, Festival, Länderarbeit, Berufspolitik bzw. Vertretung in anderen Gremien wie BAG Musiktherapie, SAMT, etc.), inklusive des Kassenberichtes für diese Jahre. Erfreulicherweise konnte über die Jahre 2006 und 2007 in der Gesamtheit ein fast ausgeglichenes finanzielles Ergebnis erzielt werden, trotz eines allgemein zu beobachtenden Trends abnehmender Studentenzahlen, welcher sich bei der Akademie zum Glück in Grenzen hielt. Der genaue Rechenschaftsbericht und Kassenbericht liegen in der Geschäftsstelle jedem Mitglied zur Einsicht aus. Der Kassenbericht wurde von den beiden Kassenprüferinnen Beatrix Konrad und Anke Parybyk-Landes eingesehen und ohne Beanstandungen bestätigt.

 

Erfreulich zu erleben war für den Vorstand, dass es nicht bei der nüchtern-sachlichen Rechenschaftsablegung für die Tätigkeit der letzten zwei Jahre blieb, sondern sich danach ein reger Austausch entwickelte über die Gegenwart und Zukunft der DMVS wie von Musiktherapie insgesamt. Diese Diskussion war geprägt von Offenheit, gegenseitiger Anerkennung und Interesse füreinander. Letztendlich war man sich einig, mit (mehr) Selbstbewusstsein unser Musiktherapiekonzept und die spezifische Qualitäten von Musiktherapie für die therapeutische Arbeit zu vertreten, trotz oder gerade wegen mancher Widerstände oder Erschwernisse in der derzeitigen gesundheits- bzw. berufspolitischen Diskussion. Schade für jeden, der nicht daran teilnehmen konnte.

Es folgte daraufhin die planmäßige Neuwahl des gesamten Vorstandes. Aus dem Wahlergebnis resultiert folgender neue Vorstand der DMVS, welcher sich auf einer kurzen konstituierenden Sitzung auf folgende Ämteraufteilung einigte:

 

Gerhard Landes - 1. Vorsitzender

Antje Stolz - Stellvertretende Vorsitzende, Medienarbeit

Ulrike Haase - Schatzmeisterin

Ute Haesner - Berufspolitik, Vertreterin bei der BAG MT

Wanda Möller - Schriftführerin, Öffentlichkeitsarbeit

Kerstin Rilke - Länderarbeit

 

Ferner wurde laut Satzung eine Ethik-Kommission der DMVS gewählt, welche aus folgenden Mitgliedern besteht:

 

Gabriele Lasch - Tel. 036601/43242

Simone Nobis - Tel. 0351/2690966

Bettina Rodenberg - Tel. 09131/507498

 

Damit kommt man einem gemeinsamen Beschluss der BAG Musiktherapie nach, dass jeder Verband eine Ethik-Kommission haben sollte. Diese Ethik-Kommission ist formal zuständig für die Einhaltung des so genannten Ethikkodex der BAG Musiktherapie, in dem die ethischen Grundprinzipien für ein verantwortungsvolles und gewissenhaftes Handeln als Musiktherapeut verfasst sind. Sie soll für alle Mitglieder der DMVS sowie Studierende der Akademie als zusätzliche, unabhängige Anlaufstelle dienen für etwaige Probleme und Beschwerden, welche im Zusammenhang mit der eigenen Ausbildung und Mitgliedschaft auftreten könnten.

 

Der alte und neue Vorstand bedankt sich an dieser Stelle herzlichst für das in den letzten Jahren entgegengebrachte und für die nächsten vier Jahre ausgesprochene Vertrauen, welches uns Verpflichtung ist für ein, nur dem Wohlergehen der DMVS dienendes Handeln, gleichzeitig uns mit Vorfreude erfüllt für die nächsten beschriebenen geplanten Aktivitäten.

Ebenso möchten wir uns auch noch einmal aufrichtig bedanken bei Matthias Trommler, welcher auf eigenem Wunsch seine Vorstandsarbeit niederlegte, für dessen langes und sehr geschätztes Engagement im Vorstand.

 

Gerhard Landes

 

„WAHRNEHMEN, WAHRNEHMUNGSREFLEXION, WAHRNEHMUNGSVERSTÄNDNIS - universelle psychotherapeutische oder spezifisch musiktherapeutische Prinzipien“

 

Tagung der DMVS und der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen vom 23. bis 25. Oktober 2009 in der Fachklinik Klosterwald, Bad Klosterlausnitz

 

Anliegen der Tagung ist es, sich dieser Fragestellung von verschiedenen Seiten und unterschiedlichen Positionen her zu nähern.

Im Mittelpunkt steht dabei das Phänomen „Wahrnehmen“, das ein zentrales und übergreifendes Prinzip aller musiktherapeutischen Vorgehensweisen im Konzept nach Schwabe darstellt, das aber auch in der Psychotherapie generell immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Die Hauptvorträge werden sich einerseits unter dem Blickwinkel von Psychologie und Psychotherapie mit diesem Phänomen beschäftigen, andererseits soll dem Konzept der Regulativen Musiktherapie (RMT), seiner Entwicklung und seiner aktuellen Position breiter Raum gewidmet sein.

In Symposien und Gesprächsrunden werden Kolleginnen und Kollegen zu Wort kommen, die in den unterschiedlichsten klinischen und außerklinischen Arbeitsfeldern Wahrnehmen im Sinne von Aufmerksamkeitsentwicklung für innere und äußere Realitäten als zentralen Punkt ihrer Arbeit sehen.

Workshops zu RMT und GIM, sowie Rundtischgespräche und Podiumsdiskussionen sollen die Tagung bereichern und, zusammen mit Vorträgen, die über den therapeutischen Blickwinkel hinaus in die Gesellschaft weisen, die Dimension der Thematik deutlich machen.

Alle Kolleginnen und Kollegen aus dem musiktherapeutischen, psychotherapeutischen, klinischen, sozialen und pädagogischen Bereich sind herzlich eingeladen.

 

21. Werkstatt für musiktherapeutische Forschung Augsburg 13./14.02.2009

 

Lehre und Forschung in musiktherapeutischen Studiengängen: Flüchtige Begegnung oder Partnerschaft fürs Leben?

 

Eigentlich war die 21. Werkstatt die 1., zumindest in Augsburg, die eine Tagungstradition fortsetzte, die vorher in Ulm stattfand. Der Untertitel verrät schon das Thema, namentlich die musiktherapeutische Forschung, die im Vordergrund stehen sollte, aber nicht nur das, er zeigt auch schon auf, dass es bei dieser Tagung ausschließlich um staatliche Ausbildungen im Fachbereich Musiktherapie ging. Dementsprechend gestaltete sich die Referentenliste, welche aus Studiengangsleitern der verschiedenen Fachhochschulen aus Deutschland, aber auch Österreich, Schweiz, Belgien und Irland bestand. Das Anliegen dessen, nach meinem Eindruck war nur teilweise das Thema Forschung, vordergründig wurden die neuen Master und Bachelor Studiengänge vorgestellt, die im Zuge der Änderung von Diplom Studiengängen in der deutschen Hochschul- und Universitätslandschaft entstehen mussten. Leider gibt es nach dieser Studienveränderung nur noch eine grundständige Bachelorausbildung in Deutschland, der Rest wurde in berufsbegleitende Masterstudiengänge umgewandelt. Teilweise hatte ich den Eindruck von einer Werbeveranstaltung für Masterstudiengänge, da diese auch nur Bestand haben, wenn sie jemand studiert, interessant war es allerdings doch allemal, da die Ausbildungsinhalte und -abläufe dargestellt wurden. Aus Deutschland referierten Susanne Metzner von der FH Magdeburg über den neuen Master-Studiengang “Methoden musiktherapeutischer Forschung und Praxis” welcher sich an ausgebildete Musiktherapeuten richtet und Pluralismus hervorhob, dass heißt eine Verbindung mit angrenzenden Fachgebieten mit einschließt.

 

Alexander Wormit referierte für die SRH Hochschule Heidelberg, deren Masterstudiengang sich größtenteils auf grundständiges Literaturstudium und Manuale stützt, welche zur Behandlung und Erforschung von Schmerzpatienten dienen. Eckhard Weymann und Birgit Gaertner referierten über den 3 jährigen Masterstudiengang der FH Frankfurt am Main, den sie als anwendungsorientierten Studiengang darstellten, da er sich erst in der Masterarbeit mit musiktherapeutischer Forschung beschäftigt, in den Semestern davor wurden Lehrmethoden wie Selbstreflexion, gemeinsames musikalisches Spiel, Praxisreflexion, Fallanalysen und Supervision als innovativ vorgestellt. Hans-Helmut Decker-Voigt referierte für die Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wobei er sich mehr auf die Frage nach dem Stand künstlerischer Therapien im Gesundheitssystem bezog. Weiterhin referierten Jos De Backer für das College for Science + Art, Leuven in Belgien, Jane Edwards und Andrea Intveen für die University of Limerick in Irland, Sandra Lutz-Hochreutener für die Züricher Hochschule der Künste, Schweiz und Dorothea Oberegelsbacher für die Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, Österreich. Die Veranstalter Tonius Timmermann und Hans Ulrich Schmidt von der Universität Augsburg, Leopold-Mozart-Zentrum, berichteten bei all dem Trubel leider nur wenig über ihren Masterstudiengang. Allerdings besteht in Augsburg jetzt die Möglichkeit im Fachbereich Musiktherapie zu promovieren.

 

Ein Highlight für mich war Horst Kächele, der aus Sicht eines bekannten Psychotherapieforschers Wünsche an die musiktherapeutische Forschung äußern sollte, dabei allerdings feststellte, dass es zum einen doch einmal spannend wäre, den Wirkfaktor Musik in der Musiktherapie zu erforschen und zum anderen den Denkimpuls gab, dass sich psychotherapeutische Forschung, die oft genug als Ausgangspunkt für musiktherapeutische Forschung genommen wird, sich fast ausschließlich auf ambulante Settings bezieht, wobei sich Musiktherapie nach wie vor oft in stationäreren Settings aufhält.

 

Zum Thema musiktherapeutische Forschung wurden einige Dissertationsthemen vorgestellt und es kam in den Vorträgen, wie auch im abschließenden Podiumsgespräch immer wieder die große Frage zum Vorschein “Wie regen wir Studenten der Musiktherapie dazu an, in die Forschung zu gehen?”, da es der Musiktherapie bis heute nicht nur an Forschungsergebnissen, sondern auch an Forschern fehlt. Hierzu denke ich, sollte man vermehrt auf die Praktiker in diesem Fach zugehen, denen unerforschte Wirkweisen wohl am ehesten auffallen werden, da sie damit, also mit der Musiktherapie als Wissenschaft ja arbeiten müssen. Dies würde bedeuten, dass der Schwerpunkt nicht nur in der Gestaltung des Masterstudienganges sondern schon in der Schwerpunktlegung bei den Studienvoraussetzungen liegen sollte, also sollte meines Erachtens weniger der akademische Abschluss als Voraussetzung gelten, mehr die praktische Erfahrung und das daraus entstehende Interesse an weiterer Erforschung, des durch eigenen Erfahrungen bekannten Arbeitsfeldes. Vielleicht ist ja da die gesuchte Neugier auf neue Erkenntnisse eher zu finden.

 

Wanda Möller

 

„Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht…" - Wunsch und Wirklichkeit musiktherapeutischer Arbeit auf dem 7. Sächsischen Musiktherapietag in Görlitz

 

Unter dem Motto "Auf der Suche nach dem rechten Platz" fand vom 31.10. – 01.11.2008 im Städtischen Klinikum Görlitz der 7. Sächsische Musiktherapietag statt. Die Deutsche Musiktherapeutische Vereinigung zur Förderung des Konzeptes nach Schwabe e.V. ( DMVS e.V.) hatte zu dieser Tagung in das sorgfältig sanierte Gründerzeitgebäude des Klinikums eingeladen und mehr als fünfzig haupt- und nebenberuflich musiktherapeutisch Tätige kamen, um breitgefächerte Erfahrungen aus ihrer Praxis miteinander auszutauschen. Gastgeber war das multiprofessionelle Team der dortigen Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie unter Leitung von Dr. med. Hans–Martin Rothe.

 

Nach den Grußworten von Veranstalter und Gastgeber schritt Christoph Schwabe in seinem Vortrag zunächst die – wie er sagte - "Wegmarken" der wissenschaftlichen Entwicklung dieser Musiktherapieform ab, die seit jeher eng an Praxis mit ihren bestimmten institutionellen Bedingungen gekoppelt war und ist. So entstand die Musiktherapie nach Schwabe in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Abteilung für Psychotherapie und Neurosenforschung der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Leipzig. Den Rahmen dafür bildeten in einer für damalige DDR-Verhältnisse seltenen Synthese ein interdisziplinäres Forscher- und Therapeutenteam unter der Leitung von Christa Kohler, welches in Auseinandersetzung mit den erstarrten materialistischen Positionen einerseits und dem zugänglichen Quellenmaterial der psychoanalytischen Schulen andererseits eine richtungweisende, zunächst einheitliche Psychotherapiekonzeption mit eigenständigen, erkenntnistheoretisch fundierten Grundsätzen entwickelte. Kernstück der Musiktherapie nach Schwabe ist das sogenannte Kausalitätsprinzip, das dem musiktherapeutischen Handeln zugrunde liegt, nämlich:

Das Besondere daran sei, so Schwabe, dass der von Anfang an schulenübergreifende Charakter des Konzepts seinen Einsatz nicht nur im klinischen Bereich ermöglicht, in dem es seinerseits entwickelt wurde, sondern dass sich seine Anwendungsgebiete mittlerweile bis in den sozialen, pädagogischen und präventiven Bereich hinein entwickelt haben. Am Ende seiner immer wieder mit biographischen Erfahrungen und beruflichen Herausforderungen verknüpften Ausführungen charakterisierte Christoph Schwabe den Beruf des Musiktherapeuten als einen Drahtseilakt, der – weder in ärztliche noch in pflegerische Hierarchien eingebunden - besondere Sensibilität, Anpassungsvermögen, angemessenes Selbstbewusstsein und vor allem ein solides "Handwerk" verlange, für das Supervision besonders wichtig sei. Gleichzeitig mahnte er, sich nicht in ärztliche Befugnisse einzumischen und die eigenen Erwartungen an Akzeptanz nicht zu überschätzen.

 

Der Aspekt der multiprofessionellen Teamarbeit wurde durch zwei weitere Referate von verschiedenen Seiten beleuchtet. Unter dem Titel "Unmöglich nicht verwirrt zu sein" erläuterte Frau Prof. Dr. Susanne Metzner, Magdeburg, anhand eines Fallbeispiels das Bestreben eines psychodynamisch arbeitenden Teams, therapeutische Interventionen so aufeinander abzustimmen, dass zwischen Patient, Angehörigen und Therapeuten eine Art soziales Netzwerk entsteht. Die dabei auftretenden Störungen könnten, so Metzner, gewissermaßen als "Reinszenierung", häufig Aufschluss auch über die intrapsychischen "Verwirrungen" des Klienten geben und deren heilsame Bearbeitung erleichtern. Der Eigenwert der Musiktherapie als nonverbale Kommunikation wurde in diesem Zusammenhang nicht nur für die Behandlung, sondern ebenso für die Diagnostik von Störungen innerhalb dieses Systems hervorgehoben.

 

Den Heimvorteil des unmittelbar Anschaulichen nutzte das therapeutische Team der gastgebenden Görlitzer Klinik und zeigte am Beispiel einer Patientin mit psychosomatisch verursachtem Schmerzsyndrom, wie unterschiedlich und trotzdem kohärent der Blickwinkel von ärztlicher, psychologischer, sozialpädagogischer und pflegerischer Seite auf die Arbeit mit musiktherapeutischen Mitteln sein kann. Aus der Sicht des Klinikleiters sei Musiktherapie eine "Brückentherapie", um "das noch nicht Gespürte klarer zu fassen"; sie sei, formulierte Dr. Rothe, "dann recht, wenn sie mit ihren Mitteln den Zustand des Patienten so verbessern kann, wie das mit anderen eben nicht geht." Die Sozialarbeiterin des Teams, selbst ausgebildete Musiktherapeutin der DMVS, ergänzte diese Ansicht mit ihrem Erleben, dass Musiktherapie als nonverbale Methode, etwas anzusprechen oder Schmerzen "hörbar" zu machen, nicht etwas bewirken MUSS, sondern von sich aus WIRKT.

Die sich anschließende Diskussion beschäftigte sich lebhaft, auch humorvoll, mit der Bedeutung von Musiktherapie- Kenntnissen bei ALLEN an der Therapie beteiligten Berufsgruppen, insbesondere auch beim Pflegepersonal, mit der Notwendigkeit der fachlich-kritischen Prozessbegleitung sowie mit Transparenz und Dokumentation für die ökonomische Sicherstellung. Passend zum Reformationstag klang der Abend mit einem geselligen – auch kulturell vielfältig "gewürzten" Abendessen aus.

 

Am Samstagvormittag zeichnete Ulrike Haase in einem zweiten Grundlagenvortrag dieser Tagung die unterschiedlichen Entwicklungslinien der Musiktherapie in der Suche nach psychotherapeutischer Identifikation nach. Ausgehend von den "Kasseler Thesen" mit ihrem Versuch eines schulenübergreifenden Musiktherapieverständnisses zitierte Frau Haase die Vertreter verschiedener – vorwiegend im Westen Deutschlands beheimateter – musiktherapeutischer Schulen und deren Affinität zu den großen psychotherapeutischen Hauptströmungen. Sie beschrieb sehr anschaulich begriffliche Einordnungsversuche des Schwabe-Konzeptes in Sprache und Kriterien dieser Mainstreams, deren Wirkungsrichtungen es zwar in sich trüge, ohne sich jedoch auf eine bestimmte psychotherapeutische Schule speziell zu beziehen, da es im Kern bereits schulenübergreifend angelegt sei. So zeige das Schwabe-Konzept beispielsweise, dass tiefenpsychologisches Arbeiten mit den Faktoren Wahrnehmen und Beschreiben nicht zwangsläufig an Deutung und Interpretation gekoppelt ist, um Erkenntnisse aufseiten der Patienten zu mobilisieren. Im Bestreben, klientenzentriert den jeweils effektivsten Behandlungsweg zu finden, sei – so Haase – von den Therapievertretern Denklust, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, vor allem aber die Rückstellung von Macht- und Rechthabeansprüchen gefragt.

 

Die dichtgedrängten Folgebeiträge des Tages beschrieben die unterschiedlichen Praxiserfahrungen mit Chancen, Grenzen, Möglichkeiten und Behinderungen der Tätigkeit von Musiktherapeuten, die dieses "Handwerk" meist nicht als Hauptberuf sondern im Kontext verschiedener Grundberufe ausüben und sich damit immer wieder im Spannungsfeld beruflicher, institutioneller und personalpolitischer Zugehörigkeiten positionieren müssen. Der Bogen des weitgefächerten Erlebens spannte sich dabei von selbstbewusster Eingliederung des Angebotes von Musiktherapie in die Umstrukturierungsphase einer Rehaklinik - inklusive Schnupperstunden für das Personal und Begleit-Evaluation - über Befindlichkeiten und pragmatischen Umgang mit der beruflichen Doppelrolle bis hin zu erheblichen Akzeptanzproblemen in einem als verschlossen erlebten Arbeitsumfeld. In der Zusammenschau aller Beiträge ließ sich übereinstimmend feststellen, dass Musiktherapeuten häufig auf einem schmalen Feld zwischen mehreren therapiebeteiligten Bereichen agieren und deshalb an ihrem Arbeitsplatz Einbindung in ein verlässliches Setting, eine "Heimat" brauchen, um sich austauschen und mitteilen zu können. Neben einer soliden Ausbildung hängt die Arbeitszufriedenheit nach Meinung der meisten Tagungsteilnehmer vor allem davon ab, wie beherzt Musiktherapeuten Möglichkeiten zur Integration ergreifen und wie angemessen sie in ihren Erwartungen dabei zu Werke gingen. Führende Positionen – wie z.B. die eines Chefarztes – böten gewisse erleichternde Bedingungen bei der Therapieeinführung, seien gleichzeitig aber immer dem Augenmaß der Budgetabhängigkeit verpflichtet, wie der ehemalige Leiter der Psychosomatischen Klinik in Erlabrunn, Dr. med. Röhrborn, bemerkte.

 

Den Abschluss der Referate bildete der Vortrag, den Axel Reinhardt, Musiktherapeut am Uniklinikum Dresden sowie Lehrmusiktherapeut und Supervisor an der Akademie für angewandte Musiktherapie Crossen, ausgearbeitet hatte, infolge einer schweren Erkrankung jedoch nicht selbst halten konnte. Stellvertretend für ihn verlas Christoph Schwabe das Manuskript, das sich unter der Frage: "Was bewegt Musiktherapeuten?" zu Erfahrungen eines Supervisors mit Selbstwahrnehmung und –darstellung von Musiktherapeuten äußerte In einem klar strukturierten Überblick konstatierte Reinhardt mit Blick auf unterschiedliche Bildungs- und Berufsherkunft, ein ungesichertes Berufsfeld und oft belastende Arbeitsverhältnisse bei Hochschulabsolventen – trotz großer Dichte an Faktenwissen - eine häufig "praxisferne" Einschätzung der realen musiktherapeutischen Arbeitsbedingungen, was zu einer mangelhaften Vorbereitung auf den Berufsalltag führe.

 

Den berufsbegleitend Ausgebildeten bescheinigte Axel Reinhardt im Vergleich dazu eine bessere Vorbereitung auf das musiktherapeutische Arbeitsleben aufgrund ihres bereits bestehenden beruflichen Praxisbezuges. Probleme gebe es hier vor allem mit Rollenkonflikten durch mangelnde Transparenz und Identitätsunsicherheit. Desgleichen trage die ungeklärte Frage des Vergütungsanspruchs für diese Tätigkeit zur Verunsicherung bei.

Persönlichkeitsbedingte Gefahrenstellen, die die musiktherapeutische Tätigkeit behindern können, sah Reinhardt u.a. dort, wo Therapeuten persönliche Konflikte unbewusst in der Therapeut-Patientenbeziehung ausagieren, überfordernder Leistungsdruck auf Selbstwertproblematik trifft, unrealistische Erwartungen an die Akzeptanz der Umwelt bestehen oder unbewusste Ängste Abwehrreaktionen hervorrufen. Offen bleibe, so Reinhardt zum Abschluss seines Vortrages, wie die Ausbilder musiktherapeutischer Schulen darauf reagierten, auf jeden Fall solle, wer sich zu einer Ausbildung entschließt, auf diese Probleme vorbereitet sein.

 

In der Podiumsdiskussion zum Abschluss des 7. Sächsischen Musiktherapietages wurde noch einmal auf verschiedene Sichtweisen dieser Therapie - z.B. als Fremdkörper, geschätzte Möglichkeit oder Konkurrent - Bezug genommen, ihre Alltagspotenz sowie persönliche Herausforderungen erörtert. Im Schlusswort warb Ulrike Haase für die Lust zur fachlichen Auseinandersetzung, dankte den Gastgebern für die hervorragende Organisation der Veranstaltung und gab den Teilnehmern als kleines Geleitwort mit auf den Weg: "Bleiben Sie mutig, um wirksam zu sein!"

 

Andreas Oschatz